Zeichnungen und Bilder Judith Schoßböck (†)
2021-24
Keine Frida Kahlo-Situation: Gedanken zur Kunst als Krankheitsbewältigung und deren Grenzen.
Judith Schoßböck, 2024
„Ich zeichne seit 2021 aus dem Bett heraus. Einen Rollstuhl verwenden oder aufrecht sitzen kann ich in meinen kurzen kreativen Zeiten nicht. Was aus einer Notwendigkeit statt normaler Kommunikation begonnen hat (Sprechen ist oft nicht möglich), hat sich im Laufe der Zeit zu einer Passion entwickelt, und Menschen verwendeten Komplimente wie „moderne Frida Kahlo“, wenn sie meine Arbeiten beschrieben. Es bedeutet mir auch unheimlich viel, wenn Menschen sich in meinen Werken wiederfinden oder sie einfach nur interessant finden.
Die Kunst und Kreativität, sei sie noch so klein, hat mir unbestreitbar geholfen: und sei es nur als Eskapismus, oder, mit viel Hilfe, Teilhabe an einem Leben abseits der Kranken-Community: sie ist etwas, das mehrere Welten verbindet, und versucht, aus schlimmen Bedingungen etwas Schönes zu schaffen.
Und trotzdem ist das hier keine Frida Kahlo-Situation, Kunst keine Schmerz-Bekämpfung, und deren „Macht“ abseits der Romantisierung von künstlerisch tätigen Kranken – gerade für bestimmte Krankheiten – begrenzt. Das ist mir wichtig zu sagen, irgendwie zu vermitteln, begreifbar zu machen.
ME/CFS, insbesondere in einer schweren, progressiven Form, ist eine Krankheit, bei der die Uhren anders ticken. Was für andere ein „flow“, eine beruhigende Tätigkeit sein kann, ist für schwer ME/CFS-Betroffene ein Marathon, der in Folge mit einer Zustandsverschlechterung quittiert wird. Selbst der Akt des Schaffens selbst kann mehr Schmerzen bereiten als sie verhindern. Lassen wir das mal auf uns wirken, denn das ist typisch ME/CFS, das ist die verkehrte Welt, das geht gegen alles, was wir eigentlich gerne Aufbauendes hören möchten. Mit dem Fortschreiten der Krankheit wird auch die Begeisterung zum Problem. Denn ME/CFS unterscheidet auf der schweren Stufe nicht zwischen positiver und negativer Anregung: alles hat seinen Preis.
Und so verändern sich meine Schaffensbedingungen monatlich: was vorher beruhigt hat, ist jetzt ein Marathon auf der höchsten Stress-Stufe. Und das ist ein riesen Unterschied, genauso wie es einer ist, einen Blick auf den Bildschirm eines Mobiltelefons zu ertragen oder nicht.
Diese Krankheit, so sagte eine Freundin mal, ernährt sich von Ambitionen wie Diabetes von Zucker. Und das gilt auch für die Ambition in Bezug auf die Kunst.
Aber wie soll ein kreativer Mensch aufhören, zumindest in Ideen zu denken? Wo bleibt die Hoffnung in all dem, die Rettung durch die schöne Kunst?
Zum einen bin ich stolz auf alles, was bereits war, was noch ist, und was kommt. Jedes einzelne Bild. Zum anderen denke ich, dass es eine Hoffnung gibt, die über das eigene Leben hinausgeht: und die Kunst wird auch dieses überleben.
Kreativität ist für mich ein sehr breiter Begriff geworden: an manchen Tagen bin ich froh, einen Sticker auf buntes Papier kleben zu können und nicht 100% von der Folter eingenommen zu sein. Diese „Kunst“ wird schwerlich als solche wahrgenommen werden, und trotzdem steht sie für mich gleichbedeutend, wenn nicht über vielen anderen Werken: ausschlaggebend ist immer das Gefühl, das man dabei hat: in diesem Moment kurz inspiriert und kreativ zu sein.“
„I hate my protective suit“. Wasserfarbe und Gouache auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2024
„Play your heart cards well“. Wasserfarbe und Gouache auf Papier. 21 x 15 cm. 2024
„Maybe we are aliens“. Ölpastell auf Papier. 24 x 16 cm. 2024
„Goth Moth“. Kohle auf Papier. 21 x 15 cm. 2023
„Mast Attack“. Kohle und Kreide auf Papier. 21 x 15 cm. 2023
„Goth Moth II“. Kohle und Kreide auf Papier. 23 x 18 cm. 2024
„Fragile Dreams“. Wasserfarbe und Alkoholmarker auf Papier. 19 x 14 cm. 2023
„Remind me of what is sacred, or: The wound is where the light enters you?“. Wasserfarbe auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2022
„Afterflow“. Wasserfarbe auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2022
„I'm not quite ready“. Wasserfarbe und Marker auf Papier. 2022
„Bird watching“. Wasserfarbe auf Papier. 21 x 29,7 cm. 2022
„Easter Flowers“. Acryl Gouache auf Papier. 2022
„Lullaby I“. Alkoholmarker, Acrylmarker, Fineliner und Farbstifte auf Papier. 2021
„Lullaby II“. Alkoholmarker, Acrylmarker, Fineliner und Farbstifte auf Papier. 2021
„Wonky House I“. Fineliner auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2022
„Wonky House III“. Fineliner auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2022
„Life is Not a Rocking Chair“. Marker auf Papier. 2022
„Three pigs are about to be set in concrete“. Farbstifte auf Papier. 2021
„Ohne Titel“. Wasserfarbe auf Papier. 2022
Wildnis
Judith Schoßböck
„Es fiel mir immer sehr leicht, meine Gefühle auszudrücken, wenn ich an Tiere dachte oder an mich selbst als Tier. Die Auswirkungen auf meinen Körper und meine Seele beziehen sich daher auf alle möglichen Kreaturen, aber nicht immer auf realistische Proportionen oder Vorstellungen des menschlichen Körpers. Vielleicht bieten Tiere einfach eine großartige Gelegenheit, das Wilde oder Unaussprechliche und die Emotionen auszudrücken, die die Menschheit oft zu unterdrücken pflegt. Obwohl ich den Spruch, Tiere sind die besseren Menschen, nicht mag, sind sie auf jeden Fall einer meiner liebsten Kommunikatoren, um mich aus dem Dickicht schwerer Krankheiten auszudrücken.“
„My Octupus Teacher Dream“. Kohle auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2023
„Gloworganic“. Acryl Gouache auf Leinwand. 25 x 25 cm. 2022
„Don´t think of that bloody elephant“. Ölpastell auf Papier. 14,8 x 21 cm. 2023
„Survivalist“. Ölpastell und Acryl auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2023
„Moss piglet“. Marker und Glitter auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2023
„Extremophile“. Mixed Media auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2023
„David and Goliath: you wish!“. Wasserfarbe und Tusche auf Papier. 2022
„Racing Pacing“. Farbstifte auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„The octopus takes a sunbath“. Farbstifte auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Don't think of the pink ice-cream dog“. Wasserfarbe auf Papier. 21 x 17 cm. 2023
„Extraterrestrial mushroom“. Alkoholmarker auf Papier. 14,8 x 10,5 cm. 2023
„Home is where the heart is“. Aquarellstifte und Buntstifte auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2023
„Ace Vultura“. Acryl auf Holz. 25 x 20 cm. 2022
„I'm happy about the toad“. Wasserfarbe, Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2022
„When life gives you lemons“. Pastellstifte auf Karton. 2022
„When life gives you dragon fruits“. Pastellstifte auf Karton. 2022
„Schrödinger's Cat Content“. Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2022
„I´m a weirdo, or a monkey owl“. Farbstifte auf Papier. 2022
„Skull“. Aquarellgraphitstift auf Papier. 2022
„Staying zen“. Marker, Fineliner und Farbstifte auf Papier. 2022
Symptomdschungel
Judith Schoßböck
„Symptome als Zeichen und Signale von Krankheit, gehören zur „Nachtseite des Lebens“ (Susan Sontag). Sie fordern uns physisch und/oder psychisch heraus und tauchen gelegentlich sogar in der Kunst auf, bevor wir uns dessen bewusst sind. Dabei hinterlassen sie subtile Hinweise aus unserem Unterbewusstsein auf dem Papier. Und so wandern wir durch dieses ungewollte Terrain, wissend, dass das nächste Biest jederzeit hinter der nächsten Ecke auf uns lauern kann.“
„Harakiri robot II“. Marker und Farbstifte auf Papier. 2022
„Robot Pigeon, Or: Do Androids Dream of Electric Peace Doves?“. Marker und Farbstifte auf Papier. 2022
„Bionic Pigs, Or: My Coffin Nail Is Your Coffin Nail“. Marker und Farbstifte auf Papier. 2022
„Lumbar shrimp“. Acryl auf Papier. 2022
„High Pressure“. Acryl auf Papier. 2022
„Harakiri robot I“. Aquarellstifte auf Papier. 2022
„Spine“. Farbstifte auf Papier. 2021
„Queen of Hearts“. Wasserfarbe auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2022
„What about hope?“. Wasserfarbe auf Papier. 21 x 29,7 cm. 2022
„Something is swimming along“. Wasserfarbe und Tusche auf Papier. 32 x 24 cm. 2022
„Something ist coming along“. Wasserfarbe und Tusche auf Papier. 32 x 24 cm. 2024
„Preparations for brain castration, or: We know what is sacred“. Wasserfarbe auf Papier. 32 x 24 cm. 2022
„Blooming state of emergency“. Acryl auf Papier. 30,5 x 24 cm. 2022
„The party pooper“. Wasserfarbe auf Papier. 2022
„Brain Knot (chewing gum version)“. Acrylmarker auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2023
„Eye level“. Acrylmarker und Fineliner auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2023
„15 pills“. Wasserfarbe und Tinte auf Papier. 2022
„Lullaby II“. Mixed Media auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2022
„Schrödinger's Cat Content II, or: Apothecat“. Mixed Media auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2022
„In the Shadowlands“. Ölpastell, Acryl und Glitter auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2023
„ME/CFS broke my body, the indifference of the world broke my heart (Christina Baltais)“. Ölpastell, Acryl, Glitter und Wackelaugen auf Papier. 23 x 16 cm. 2023
„Brain Brew Minnie“. Ölpastell, Acryl und Glitter auf Papier. 23 x 16 cm. 2023
„Trappings“. Ölpastell und Acryl auf Papier. 24 x 16 cm. 2023
„Sorry to bother“. Ölpastell und Acryl auf Papier. 23 x 16 cm. 2023
„Hyperacusis II“. Wasserfarbe auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2023
„Isn´t it ironic“. Ölpastell, Glitter und Wackelaugen auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2023
„Froscholi“. Ölpastell, Acryl, Glitter und Wackelaugen auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2023
„The Pincushion“. Farbstifte und Wasserfarbe auf Papier. 2021
„Raven“. Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Torture Days (Bugs)“. Farbstifte auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Army of formication“. Farbstifte auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Dinner is served“. Wasserfarbe auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2023
„Pick“. Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Me, Every Night and Sometimes also During the Day, Being Dipped into the Pot of Misfiring Nerves that Burn Burn Burn“. Farbstifte auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„The lumbar puncture“. Marker und Farbstifte auf Papier. 2021
„The roof is on fire“. Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Knot“. Fineliner auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
Sumpfcharaktere
Judith Schoßböck
„Schwerwiegende Krankheiten wie ME/CFS oder ein Liquorleck definieren und verändern jeden Kern deiner Existenz, jede Zelle deines Körpers, und sie beeinträchtigen dein Gehirn auf eine Weise, die für den Durchschnittsmenschen kaum vorstellbar ist. Als ich aus einem Impuls heraus zu zeichnen begann, um die extreme Transformation, die ich durchmachte, zu kommunizieren, hätte es sich äußerst seltsam angefühlt, mich selbst oder meine bildlichen Gefühle als klassisches menschliches Wesen zu zeichnen. Also kam ich auf eine frosch- oder sumpfkreaturähnliche Figur mit einem offenen brennenden Kopf oder einem Skalp, mit grüner Haut, weil ich mich nicht mehr mit normaler, gesunder Hautfarbe identifizieren konnte, und mit orangefarbenen oder/und roten Haaren, die aus meinem Gehirn kamen, ähnlich Nerven, die schmerzhaft in viele Richtungen gezogen werden, und meistens leere oder gelbe Augen, und mehrere Löcher.
Später erweiterte sich diese Figur zu einem detaillierteren Charakter und taucht als Variation mit anderen Akzenten in meiner Arbeit wieder auf.“
„Incurable“. Wasserfarbe auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2022
„Self-portrait with puncture“. Acryl Gouache auf Papier. 32 x 24 cm. 2022
„Longing for sunset, or: Self-portrait without puncture“. Acryl auf Karton. 30 x 24 cm. 2022
„No dance party, or: the love of spoons of Salad Fingers“. Ölpastell, Acryl und Glitter auf Papier. 24 x 16 cm. 2023
„I'm turning mad, or: self-portrait with puncture II“. Marker auf Papier. 21 x 14,8 cm. 2022
„It's hard to cut off a life, or: if i could control time...“. Wasserfarbe und Fineliner auf Papier. 2022
„Easter Spirit“. Marker, Fineliner, ölbasierte Zeichenstifte, Buntstifte. 29,7 x 21 cm. 2023
„Self Portrait, or I Turn into a Vine Louse“. Pastell und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Loop“. Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Relax“. Farbstifte auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Pressure“. Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Double splatter“. Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„A dark ride“. Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„The medical anthropocene“. Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
„Helmet“. Fineliner und Marker auf Papier. 29,7 x 21 cm. 2021
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