Querverschiebung eines Wurmlochs – Eine Raumkörperanatomie
Performance und Installation
Domenig Steinhaus, Steindorf am Ossiacher See, Kärnten, 2021
Die Kammern, Treppen, Gänge und Schächte des Gebäudes werden in der Performance auf zeitlicher und räumlicher Ebene miteinander verknüpft. Ein Körper geht durch diese Ebenen hindurch, transformiert sich selbst und den Raum um ihn herum. Krümmt, was zu gerade erscheint. Gemeinsam mit dem Publikum bewegt sich der Körper durch die verschiedenen Ebenen und wird zum Gedanken, zur Nahrung, zum Eingeweide des Hauses.
Matthias Mollner, Juli 2021
Ebene Eins: Untergrund.
Ebene Zwei: Körperverschiebung.
Ebene Drei: Multiples Sein.
Ebene Vier: Grüne Wiese.
Ebene Fünf: Wurm.
Ebene Sechs: Gemeinschaft.
Ebene Sieben: Auf den Boden bringen.
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Von Matthias Mollner
WEG
Ein Wurmloch ist ein physikalisch-theoretisches Gebilde, das zwei Orte derselben Raumzeit oder zwei unterschiedliche Raumzeiten eines Multiversums miteinander verbindet. Ein Wurmloch ist ein von Regenwürmern oder anderen Würmern gegrabener Tunnel, der den Tieren als Straße und Wohnung dient. Gehen wir gerade durch ein Wurmloch und wissen nicht, was uns am Ende erwartet?!
BEOBACHTUNGEN
Während ich an diesem Text schreibe, blicke ich aus dem Fenster eines Hauses in der belgischen Hauptstadt Brüssel. Auf der anderen Straßenseite steht ein zweites Haus, im selben Stil aus rotbraunen, quaderförmigen Backsteinen gebaut. Links und rechts schließen weitere Backsteinhäuser an. 5, 10, 443, 3.795, 174.671. Es stehen viele Gebäude in diesem kleinen Land mit seinen 30.688 Quadratkilometern Fläche und geschätzten 11,4 Millionen menschlichen Einwohner*innen. An den allermeisten Häusern führt eine Straße vorbei.
Die kapitalistische Logik erzeugt absurde Phänomene. Ein österreichischer Supermarkt mit deutschem Eigentümer steht gegenüber eines zweiten Supermarkts desselben Konzerns. Der vorher zu den inneren Planeten des Sonnensystems gehörende Supermarkt hört seit Kurzem auf den selben Namen wie sein Kollege, trägt aber ein zusätzliches + im Namen, um auf seine Größe als ehemaliger Planet hinzuweisen. Die Parkplätze vor dem Ex Planeten mit + und dem Anderen ohne + bieten Platz für über hundert Autos. Wo sich im Inneren der Gebäude Lebensmittel aus verschiedensten Ländern in dichtgefüllten Regalen zu einem in Kunststoff, Blech und Glas verpackten, sterilen Nebeneinander zusammenfinden, ist unter den Gebäudefundamenten und Parkplatzflächen eine Wüste entstanden, die nur noch Bakteriengemeinschaften eine lebenswerte Bleibe bietet. Die Erzeuger des Humusbodens, die Regenwürmer, und die meisten anderen Lebewesen, die für ein gesundes Ökosystem eine wesentliche Rolle spielen, können in dieser Wüstenlandschaft nicht existieren.
SCHNITT
In der modernen Chirurgie werden minimal-invasive Eingriffe durchgeführt, um eine Verletzung des Körpers durch eine möglichst kleine Einschnittstelle so gering wie möglich zu halten. In der modernen Ökonomie werden für gewöhnlich keine minimal-invasiven Eingriffe an der Erde unter unseren Füßen durchgeführt.
Dass es schlecht steht um das Verhältnis des Menschen zur nichtmenschlichen Natur, wissen wir seit Langem. Da die Folgen dieser vergifteten Beziehung immer stärker und dramatischer werden ist es angebracht, ein paar Fragen in den Raum zu stellen:
„Was hält Homo Sapiens eigentlich davon ab, seine Umwelt in sein Handeln miteinzubeziehen? Ist es sein beschränktes Verständnis für Zusammenhänge oder der Egoismus, der sich im gesellschaftlichen Handlungsgebäude als erstrebenswerte kulturelle Leistung definiert? Oder ist es vielmehr die in religiösen und patriarchalen Strukturen verankerte Macht und Überheblichkeit über die nichtmenschliche Natur, die den Planeten an den Rand des Kollaps gebracht hat?“
Mit hoher Wahrscheinlichkeit treffen alle diese Gründe zu. Wir wissen heute sehr genau, dass jeder Eingriff in die Umwelt die Lebensgrundlage dieser und der nächsten Generationen einschränken und im schlimmsten Fall zerstören kann.
RAUMKÖRPER
Das Domenig Steinhaus am Ossiacher See ist die skulptural-architektonische Umformung eines Landschafts- und Wertebegriffs. Dieses Haus wird von mir im Rahmen der Performancereihe „Under de-Construction“ zum Zwecke einer künstlerischen Gegenwartsbegutachtung besetzt. Der biologisch gewachsene und kulturell geprägte menschliche Körper begegnet in der Performance dem dekonstruierten Architekturkörper des Steinhauses. Wie ein Wurm im Wurmloch schlüpft der performative Mensch durch die Räume des Gebäudes, sucht nach Verbindungen und transformiert dabei sich und seine Umgebung. Gemeinsam mit dem Publikum bewegt sich der Körper durch die verschiedenen Ebenen und wird zum Gedanken, zur Nahrung, zum Eingeweide des Hauses.
SCHLUSSBEOBACHTUNG
Ein kleiner Vogel stößt mit dem Kopf gegen eine Glasscheibe. Er versucht dem Raum zu entkommen, kann aber die Transparenz des Glases nicht erfassen. Immer wieder stößt er im Flug gegen den harten Widerstand des Materials. Nach mehreren Versuchen bleibt er schließlich benommen am Boden liegen. Ich versuche ihn zu retten, weiß aber nicht, ober er noch lebt. Kurz bevor ich in greifen kann, erhebt sich der Vogel und fliegt auf direktem Weg aus dem offenen Fenster in den Garten.
Fotocredits:
Performance - Dušana Baltić
Installation - Matthias Mollner